Der Bad Polziner Turnverein

Autor: Tino Runge

Auszüge aus der Geschichte des Bad Polziner Turnvereins, von Paul PLATZER

Privatsammlung Tino Runge

Dem Ruf zur Sammlung aller deutschen Turner durch die Schwaben Theodor GEORGI aus Esslingen und Carl KALLENBERG aus Stuttgart folgten am 17.und 18. Juni 1860 viele Turner zur Teilnahme am ersten deutschen Turnfest in der schönen alten Frankenstadt Coburg.  Von den Vertretern der anwesenden Turnvereine wurde mit großer Begeisterung die Deutsche Turnerschaft mit dem Zusammenschluss der deutschen Turnvereine gegründet.

 

Die Gliederung erfolgte nach zusammengewachsenen Landschaften. In Preußen waren es fast ausnahmslos die Provinzen, die nunmehr Turnkreise genannt wurden. So wurde Pommern der Turnkreis III a. Die Turnkreise wurden wiederum in Turngaue ausgegliedert, die aber nicht mit den Kreisgrenzen identisch waren.

So gehörte Polzin zum „Persantegau“, der die Städte Köslin, Kolberg, Belgard, Körlin und Polzin, sowie einige Landvereine umfasste. Nachbargaue waren z.b. der „Regagau“ mit Schivelbein usw und der „Mittelpommersche Gau“ mit Dramburg, Falkenburg usw.

In Coburg war auch der älteste pommersche Turnverein von 1847 Stettin vertreten. Bereits einen Monat nach dem Coburger Treffen fand in Stettin am 22. Juli 1860 das erste Pommersche Turnfest mit über 300 Teilnehmern statt. Hierdurch nahm das Turnen auch in Pommern einen gewaltigen Aufschwung. Allein in Ostpommern wurden 1861 die Turnvereine Stolp, Köslin, Kolberg und Belgard gegründet. Polzin folgte mit seiner ersten Gründung 1863, Schivelbein im Jahre 1876.

„1931 trat ich (Paul PLATZER), als Schriftführer des Turnvereins die Nachfolge von Friedrich EBERT an. Das mir übergebene Protokollbuch begann leider erst im Jahre 1919. Deshalb war der einzige Hinweis auf den ersten Polziner Turnverein von 1863 eine einfach bestickte Fahne, die mit der Fahne des 1885 neugegründeten Turnvereins bei Kaufmann Paul EGER aufbewahrt wurde. Zu den Neugründern des Vereines gehörten u.a. Badbesitzer Paul RADEL, Uhrmachermeister EISOLD und Kaufmann Ernst MAATZ, Schwiegervater von Paul EGER.

Im Jahre 1866 hatte der Maurer und Fischhändler Karl RADEL sein Haus zu einem Badehaus ausgebaut und ihm den Namen Friedrich-Wilhelm-Bad gegeben. Sein Sohn Paul RADEL baute später die Restaurationsräume an, stellte den Saal als Übungsstätte zur Verfügung und zog so den Turnverein zu sich. Das Friedrich-Wilhelm Bad ist auch bis 1938 für alle Festivitäten des Vereines das Vereinslokal geblieben. Hier fanden in jedem Jahr statt, das Neujahrsschauturnen mit anschließendem Ball, das große Fest der Altersriege, die Vorführungen aller Abteilungen des Vereins im Sommer im Garten des Friedrich-Wilhelm Bades, wobei Charlotte KEMP mit ihrer Gruppe die größten Erfolge erzielte.

Die stetige Entwicklung verdankt der Verein vor allem den zugezogenen jüngeren Personen, die bereits über eine gewisse Ausbildung in den Leibesübungen verfügten. So hatten z.b. jüngere Lehrkräfte, die an die neue Stadtschule versetzt wurden, bereits in den Lehrer-Seminaren das Turnen in allen Formen kennengelernt. Diese und nicht zuletzt einige Polziner Ärzte, allen voran der 1884 zum Leiter des neuerbauten Johanniter Krankenhauses berufene Arzt Dr. Friedrich SCHMIDT, waren zusammen mit alten und jungen Bürgern der Stadt die aktiven Mitglieder des Vereins. Die nach und nach angeschafften Turngerätekonnten in den Räumen des neuen Schulgebäudes untergebracht werden, von wo sie im Sommer zur Benutzung schnell den Schulhof gebracht werden konnten. Zur Vorbereitung des Neujahr-Schauturnens und zum Fest der Altersriege kamen sie frühzeitig vorübergehend zum Friedrich-Wilhelm Bad.

Die zweite Phase der Entwicklung des Turnvereins setzte nach der Jahrhundertwende ein, etwa mit dem Amtsantritt des Bürgermeisters Eugen BRODE im Februar 1903. Im selben Jahr wurde Lehrer Richard SCHRÖDER an unsere Schule versetzt. Er übernahm sogleich die Leitung und die turnerische Ausbildung im Verein. 1905 zog Fotografenmeister Franz HAHN aus Kiel nach Polzin. Da er sich bereits längere Zeit in größeren Turnvereinen bestätigt hatte, übernahm er als Turnwart die turnerische Ausbildung der jugendlichen Mitglieder. Die Altersriege führte Kaufmann Julius SCHRÖDER. Ebenfalls sehr aktiv war der Schlossermeister Kuno MIERWALD, der nicht nur im Geräteturnen, sondern auch in anderen Turnarten, besonders im Stabhochsprung und im Faustballspiel, seinen Mann stand. Nicht wegzudenken aus dieser Zeit ist Tierarzt Dr. STÜBBE, der über 27 Jahre dem Verein angehörte und mit seinem Witz und seiner Lebendigkeit der Mittelpinkt im gesellschaftlichen Leben des Vereins war. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, der auch mehreren Mitgliedern den Soldatentod brachte, wurde diese zweite Phase der Vereins-Entwicklung leider beendet.

Die dritte Phase der Entwicklung des Turnvereins begann bereits wieder 1919. Die älteren Vorstandsmitglieder Richard SCHRÖDER, Julius SCHRÖDER, Paul EGER und Dr. STÜBBE stellten sich mit den gesund aus dem Krieg zurückgekehrten Turnern HAHN, BENECKE, HUTH, DIECKOW u.a. dem Verein wieder mit großem Eifer zur Verfügung. Auch kamen Anfang 1919 einige Dienstgrade des Abwicklungsstabes Fußart.Rgt. 11 zum Turnverein, von denen mir aus der Zeit nach meinem Vereinseintritt 1921 noch der Vorturner und Riegenführer SEEMANN in Erinnerung ist. Ein sehr aktiver Riegen-und Wanderführer war auch der Reichsbahn-Wagenmeister Bohl, der sich später nach Saßnitz versetzen ließ. Weiter kamen zum Turnverein eine Anzahl nach Polzin verschlagener Gehilfen und Gesellen, die bereits in ihren heimatlichen Vereinen geturnt hatten. Ich nenne hier nur als sehr gute Turner den Uhrmachermeister BLUMENTHAL, bei dem Uhrmachermeister Ferdinand VOIGT und den Frisörgehilfen Hans ADALBERT, der bei dem Frisörmeister Albin LAUTNER beschäftigt ist. Übrigens turnte in der Altersriege auch eine Anzahl unserer Mitbürger jüdischen Glaubens. Ich habe z.b. Hugo MOSES vom Cäcilienbad in unserer Rathaushalle gesehen, wie er 50 kg schwere Gewichtshanteln mehrmals einwandfrei hob und danach noch sehr elegant über einen hohen Bock sprang. Kein Wunder, denn seine Kraft, so behauptete man damals, käme von den geräucherten Schweineschinken aus der Speisekammer des Cäcilienbades.

Als dann nach dem Aufbau der Mittelschule unter dem beliebten Rektor Julius ZUMACH mehrere neue Lehrkräfte nach Polzin kamen, unter ihnen Charlotte KEMP, Charlotte SCHAPER, Fritz RUNGE, die sogleich auch Ausbildungsfunktionen im Turnverein übernahmen, entwickelte sich durch den nunmehr straff geregelten Turnbetrieb ein starker Zustrom an Jugendlichen. Insbesondere hatte Charlotte KEMP immer wieder neue Ideen im Aufbau der Übungsstoffe. Ihre gymnastischen Übungen der Mädchen nach Musik, ihre Übungen mit Leuchtkeulen usw, fanden begeisterte Zustimmung bei Ausübenden und Zuschauenden.

Um den Leistungsstand der Vorturner und Riegenführer zu heben, wurden in den folgenden Jahren entwicklungsfähige Turnerinnen und Turner zu Lehrgängen nach Stettin geschickt. Das Erlernte zahlte sich aus. Schon beim Deutschen Turnfest 1923 in München konnte unser Vorturner der ersten Riege, Artur BENECKE, zehnter Sieger im Gerätemehrkampf werden. Auch von den großen Pommerschen Turnfesten 1924 in Stettin und 1927 in Greifswald, kehrten mehrere Polziner Turnerinnen und Turner als Sieger zurück.

Sehr beliebt und besonders erfolgreich waren unsere von Charlotte KEMP ausgebildeten Turnerinnen. Eine größere Gruppe von ihnen nahm an einem Jugendturnfest in der Buchheide bei Stettin teil. Die Polziner Volkstanz-und Singgruppe, begleitet von der eigenen Mandolinenkapelle unter Leitung von Franz HAHN, wurde in einem längeren Bericht des Stettiner Generalanzeigers als eine der besten Gruppen bezeichnet. Die in ihm veröffentlichten Fotos von dem schönen Volkstanz „Du bist min Sünnros,   du….“, waren sehr ansprechend- besonders, weil unter ihnen vermerkt war: „Die Polziner Gruppe tanzte mit Anmut und Grazie“.

Um den älteren Mitgliedern unserer Altersriege eine besondere Freude zu machen, hatte Charlotte KEMP mit ihren hübschen Turnerinnen einen außergewöhnlichen Tanz eingeübt. Bei der Vorführung auf dem Ball der Altersriege brachten unsere Turnerinnen nach dem Vorbild der Berliner „Tiller Girls“ ihre schönen Beine ganz vorteilhaft zur Geltung und ernteten einen überwältigenden Applaus. Dieser Tanz wurde ein Stadtgespräch und musste auf dringenden Wunsch auf weiteren Vereinsbällen wiederholt werden. Von diesem Erfolg wurde auch die Frauenabteilung angesteckt, die sich nun ebenfalls mit größtem Eifer dem Tanz widmete. Um auch unserm Vorsitzenden ab 1932 Gelegenheit zu geben, diese schwere Arbeit zu sehen, hatte Frau STÜBBE ihren Willy in ein Dirndl-Kleid gesteckt und in die Turnhalle geschmuggelt. Auch der alte Herr von COSEL freute sich bei einer Darstellung der Turnerinnen „Turnen einst und jetzt“ so sehr, dass er mehrmals „wiederholen!“ rief. Vielleicht wurde ich wegen dieser Begeisterung über 90 Jahre alt.